23 Aralık 2000

Können radikale Muslime Religionsgemeinschaft sein?

Stuttgarter Nachrichten, 23.12.2000 

Die Islamisten-Organisation Milli Görüs wirkt der Integration türkischer Mitbürger entgegen / Von Ahmet Arpad
 
Stuttgart/Köln - Von dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das im Fall der Zeugen Jehovas die Voraussetzungen für die Anerkennung als religiöse Gemeinschaft neu definierte, könnten auch islamische Gruppierungen in Deutschland profitieren. Würde auch die islamistische Milli Görüs als Religionsgemeinschaft anerkannt?
 
Vor der Europazentrale in Köln wehen die Milli-Görüs-Fahnen - ein grünes Quadrat auf weißem Grund zeigt Europa und den Kaukasus, von einem Halbmond umfasst. Denkt die Islamische Gemeinschaft Nationale Sicht (Milli Görüs) auch politisch in Richtung Pantürkismus und -islamismus?
 
Auch in Köln ist der Hauptsitz des Verbands Islamischer Kulturzentren (VIKZ). Man residiert in einem etwa 2000 Quadratmeter großen Komplex. Außer den Verwaltungs- und Schulungsräumen gibt es auch ein Internat mit 80 Schlafplätzen und eine große Moschee. Das geräumige Büro des Generalsekretärs Erol Pürlü darf man nur in Socken betreten wie in einer Moschee. Auf Stuttgart-Heslach angesprochen, sagt Pürlü: „So viel Probleme wie die Stuttgarter uns bereiten, haben wir in keiner anderen Stadt Deutschlands.“
 
In derEuropazentrale von Milli Görüs ist von der Verwaltung bis zum Immobilien-Marketing alles untergebracht, was eine „weltumspannende“ Organisation braucht. Im Buchladen werden neben religiösen auch neue politische Publikationen der antisemitischen Harun-Yahya-Bewegung angeboten. Die Zentrale soll bald umziehen. Nach Kerpen. Die Organisation expandiert. Ein neun Hektar großer Bauplatz soll für zehn Millionen gekauft sein.
 
Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) wurde 1972 auf Anweisung des türkischen Islamistenführers Necmettin Erbakan gegründet. Das türkische Parteiengesetz verbietet den politischen Parteien jedoch Auslandsorganisationen. Anfang der 70er Jahre veröffentlichte Erbakan ein Buch mit dem Titel „Milli Görüs“, in dem er seine Strategie zur Errichtung einer islamischen Republik in der Türkei erklärt. Erbakan bestimmt seit fast 30 Jahren die Politik der Milli Görüs in Deutschland. Die Organisation zählt zu den finanziellen Trägern seiner Partei in der Türkei. Mit 60 bis 70 Millionen Mark soll sie 1995 Erbakans Wahlkampf in der Türkei „unterstützt“ und ihm damit den Wahlsieg ermöglicht haben.
 
„Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs setzt sich für die Abschaffung der laizistischen Staatsordnung in der Türkei ein und strebt in Westeuropa gesellschaftliche Verhältnisse an, die u.a. die Durchsetzung des islamischen Strafrechts nach den Vorschriften der Scharia ermöglichen soll. Der Verein wirkt so der gesellschaftlichen Integration der hier lebenden türkischen Muslime entgegen“, antwortete die Bundesregierung am 9.Mai 2000 auf die Anfrage der PDS-Fraktion über den Einfluss fundamentalistischer Organisationen (Drucksache 14/3290).
 
Erbakans Neffe, Mehmet Sabri Erbakan, hat in der islamistischen Bewegung die Zügel seit Jahren sicher in der Hand. „Der Onkel aus der Türkei“ tritt oft bei Veranstaltungen in Deutschland als „Stargast“ auf. Im April 1998 war von ihm vor einem Milli-Görüs-Publikum zu hören: „Die Regierenden sind nicht die Führer, sondern die Zionisten. Sie haben die Macht in unserem Land... Wir sind der Ansicht, die Juden haben die Häuser von Türken in Deutschland angesteckt, um Deutschland zu schaden.“
 
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass kürzlich in Berlin bei einer von der radikal-islamischen, antijüdischen Hamas-Bewegung organisierten Demonstration junge Milli-Görüs-Funktionäre in vorderster Front marschierten. Auch der Auftritt der antisemitischen Harun-Yahya-Bewegung (alias Adnan Hodscha) in der Esslinger Milli Görüs Fatih Camisi darf da nicht mehr wundern.
 
„Wer sich der Jugend annimmt, der wird in Zukunft der Herr sein“, lautet ein Milli-Görüs-Spruch. Nach Erkenntnissen der Bundesregierung verfügt die Organisation über mehrere Erziehungs- und Bildungszentren. „Sie erzieht derzeit in der Bundesrepublik Deutschland in den in 350 Moscheen untergebrachten Kinder-Clubs mehr als 3000 Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren“, teilte die Bundesregierung auf die PDS-Anfrage am 9. Mai 2000 mit.
 
Ist Milli Görüs eine religiöse Organisation? „Hier geht es nicht um den Islam, sondern darum, Einfluss zu gewinnen und sich zu bereichern“, sagt ein Aussteiger. „Wer gegen die Führung der Organisation ist, wird als Feind des Islam denunziert.“ Die Rücklagen der drei Millionen Türken im Ausland schätzt man auf über 300 Milliarden Dollar - ob als Bankeinlagen oder im Sparstrumpf. An diesem „Goldschatz der Gastarbeiter“ sind viele interessiert. In erster Linie die rund 50 in Deutschland operierenden religiös orientierten Holdings. Diese Mischkonzerne bieten den Sparern an, für ihr Geld Anteile am Unternehmen zu erwerben, sich also an Gewinn und Verlust zu beteiligen.
 
Auch die Milli Görüs hatte jahrelang über ihre Holdinggesellschaft Anteile anderer Unternehmen vermittelt und verkauft. Das inzwischen in Konkurs gegangene Unternehmen wurde von einer anderen islamischen Holding aufgekauft, die nach der Übernahme die vierte Jahreshauptversammlung der Milli-Görüs-Bewegung in Amsterdam im Juni 1998 mit rund 1,3 Millionen Mark sponserte. Daraufhin stellte die Milli Görüs ihre Moscheen in Deutschland der Firma als „Geldsammelstelle“ für ihre Finanzdienstleistungen zur Verfügung. In den 90er Jahren entstand in der Türkei der neue islamische Wirtschaftssektor. Die Geschäftsleute des „Grünen Kapitals“ gründeten ihren eigenen Unternehmerverband Müsiad. Ihr Chef Erol Yasar musste allerdings nach einigen Jahren den Vorsitz abgeben, da gegen ihn Anklage erhoben wurde. „Wir müssen noch mehr arbeiten und noch reicher werden, um stärker als die Heiden zu werden“, erklärte er auf einer Konferenz in Istanbul. „Die Schätze Allahs müssen aus ihren Händen genommen werden...“ Die türkisch-muslimischen Unternehmer in Deutschland sind in Müsiad-Berlin, eine Außenstelle, organisiert. Milli Görüs will sie dominieren. Sie wird von dem früheren Milli-Görüs-Mitglied Ali Uzun geleitet.
 
Die Investitionen religiös orientierter Unternehmer erfolgen dort, wo der Ausländeranteil besonders hoch ist. „Vor allem auf das Getto hat Milli Görüs Einfluss“, meint der Kölner Journalist und Milli-Görüs-Kenner Ahmet Senyurt. „Wer diesen Einfluss hat, den umwerben die Politiker.“ Dass man aber damit nicht nur die Bildung von Gettos beschleunigt, sondern auch den Nährboden für islamistische Organisationen und Vereinigungen erzeugt, wird von deutschen Politikern leichtfertig übersehen.
 
In Köln-Nippes, unweit von der Milli-Görüs-Zentrale, oder in Mülheim kann man das hautnah erleben. An der Keuppstraße in Mülheim reiht sich ein türkisches Geschäft an das andere. „Hier ist alles fest in Milli-Görüs-Hand“, sagen die türkischen Bewohner des Kölner Vororts. Manch einer der hier gebliebenen 19 Prozent Deutschen verdiene sein Brot beim türkischen Arbeitgeber.Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg teilte am 14. November 2000 mit: „Auch wenn sich die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs nach außen gern verfassungstreu und staatstragend gibt, so wird gerade unter dem Deckmantel der Diskussion um Toleranz gegenüber dem Islam in Deutschland extremistisches, sogar antisemitisches Gedankengut verbreitet.“ Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts dürfte Milli Görüs keine Chance haben, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden.
 
Der Journalist Ahmet Arpad lebt seit vielen Jahren in Stuttgart und schreibt unter anderem für die Zeitung „Cumhuriyet“.

5 Nisan 2000

Viele Islam-Gruppen reden mit gespaltener Zunge

Stuttgarter Nachrichten, 05.04.2000

Fundamentalisten unterlaufen die Integration von türkischen Jugendlichen in Deutschland / Von Ahmet Arpad

Stuttgart - "Die Moschee, ein Symbol des deutsch-türkischen Zusammenlebens" - eine absurde Vorstellung. Wer damit "hausieren" geht, sich für immer neue Moscheen stark macht, ist naiv. Die Praxis und die Erfahrung, sei es in Berlin, Duisburg, Köln oder Stuttgart, belehrt uns eines Besseren.

Es ist verständlich, wenn ausländische Menschen aus nachbarschaftlichen Gründen zusammenziehen. So bilden sich ethnische Gemeinden, Inseln, die Schutz bieten. Doch Gettos treten auch einen Teufelskreis von Diskriminierungen los. Auf diesem Nährboden haben sich Fundamentalisten verschiedenster islamischer Sekten niedergelassen. Ihre Vereine sind inzwischen die Einzigen, die sich um die in Gettos lebenden Türken kümmern, Sozialdienste leisten und im Bildungsbereich aktiv sind. Vielerorts werden sie sogar von den Kommunen für ihre Dienste mit Beträgen in sechsstelliger Höhe unterstützt.

Für die Stadtoberen sind die Menschen bei ihnen "in guten Händen". Die Mutter lernt Deutsch, die Tochter bekommt Hausaufgabenhilfe. Bei der Firma der Organisation findet der lange arbeitslose Vater wieder Arbeit, der Sohn nach der Hauptschule eine Lehrstelle. Alle sind glücklich. Am glücklichsten aber sind die Fundamentalisten.

Den deutschen Verfassungsschützern zufolge spielen sie allerdings eine Doppelrolle. Einerseits präsentieren sie sich in der Öffentlichkeit als unpolitische Vertreter des Islam, andererseits aber betreiben sie vor allem in den Gettos Eigenpropaganda. Die Frage bleibt: Mit welchem Ziel? Studien wie die neue Arbeit von Rainhard Hocker, Jugendliche in islamischen Organisationen, zeigen, dass sich der wachsende Einfluss bestimmter Organisationen vor allem auf türkische Jugendliche auswirkt. Die Fundamentalisten haben ihre Chance erkannt. Dieses vernachlässigte gesellschaftliche Feld in den Gettos bearbeiten sie gezielt. Inzwischen gibt es in Deutschland fast die gleichen Verhältnisse wie in den Gettos der 12-Millionen-Metropole Istanbul. Dort kümmern sich die Vertreter des politischen Islam um die, die der Staat vernachlässigt. Sie streben durch aktive Tätigkeiten gesellschaftliche und politische Veränderung an.

Für die islamischen Organisationen in Deutschland haben die Muslime hier ihr zuhause und müssen nach den Regeln der Scharia leben können. Sie betrachten Europa als Gebiet des Islam und meinen, dass für die Menschen islamisierte Räume geschaffen werden sollten - ob für eine Schulklasse oder ein ganzes Stadtviertel. In Deutschland bekennen sich die Islamisten nach außen zum Grundgesetz. Nach innen aber gilt das Gesetz der Scharia. Nicht selten ziehen Spitzenfunktionäre die Mehrehe vor. Sind solche Dialogpartner glaubwürdig?

Die islamischen Organisationen repräsentieren zwar laut Verfassungsschutz nur zehn Prozent der türkischen Bevölkerung - Tendenz steigend - , dürfen aber in Deutschland die meisten Moscheen und "islamischen Kulturzentren" errichten. Sie vertreten verschiedenste islamische Sekten und sind untereinander oft zerstritten. Sie haben allerdings ein gemeinsames Ziel: die Islamisierung in Deutschland, um die Errichtung einer islamischen Staatsordnung in der Türkei zu erreichen.

Die streng hierarchisch gegliederte Organisation der Süleymanci mit rund 20000 Mitgliedern unterhält eigenen Angaben zufolge 320 "islamische Kulturzentren". Hier werden 60000, vor allem türkische Knaben und Mädchen, nach der Lehre des Süleyman Efendi erzogen. Jahr für Jahr werden junge Menschen als Elite-Muslime in die deutsche Gesellschaft entlassen - mit deutschem Pass und Süleymanci-Identität.

Das Programm des Verbands Islamischer Kulturzentren (VIKZ), der im Stuttgarter Stadtteil Heslach eine Moschee und ein islamisches Zentrum samt Wohnungen und Schülerwohnheim errichten will, sieht vor, die Islamisierung in Deutschland durch Ausweitung von Koranschulen und Bildungseinrichtungen zu erreichen. Diese Meinung vertritt auch der Kulturanthropologe Werner Schiffauer in seinem neuen Buch "Die Gottesmänner".

Der Süleymanci-Orden, zu dem der VIKZ gehört, ist ein Abkömmling der im 14. Jahrhundert gegründeten Naksibendi-Sekte. Gebetet wird nur hinter einem Vorbeter, gegessen wird nur das von eigenen Metzgern geschächtete Fleisch. Der Gründer des Ordens, Süleyman Hilmi Tunahan, ist für sie: "Unser Größter, unser Heiliger." Über ihre Lerninhalte weiß man wenig. Es gibt keine Publikationen, die Aufschluss über ihre Glaubensrichtung geben. Ihre Zeitschrift "Anadolu" mussten die Süleymanci nach antichristlichen und antijüdischen Attacken 1980 einstellen. Sie verstehen sich als die wichtigsten Bewahrer des Islam und glauben, dass nur 300000 Muslime, allesamt Süleymanci, auserwählt seien, ins Paradies zu gelangen.

Was der VIKZ in Heslach genau vorhat, weiß man nicht. Sowohl beim ersten großen Treffen im Rathaus als auch am runden Tisch vor kurzem, gingen seine Vertreter mit Informationen sparsam um. Ihr Konzept haben sie bis heute nicht eindeutig dargelegt. Auch das Süleymanci-Internat in der Mannheimer Pettenkoferstraße mit Klassenräumen für rund 200 Jugendliche ist ein Buch mit Siegeln.

Die bundesweiten "Kulturzentren" dienen neben religiösen Zwecken vor allem der Jugendarbeit. Die Moschee spielt nur eine Nebenrolle. Auch in Stuttgart geht es vorrangig um Jugendarbeit. Nach eigener Angabe sollen jungen Leuten islamische Werte vermittelt werden. Die Süleymanci aus Köln arbeiten in Heslach mit den Nurcu aus Stuttgart zusammen. Ihr hiesiger Partner ist die Religionsgemeinschaft des Islam von der Gemeinschaft Jama’at un Nur, diese wiederum ist ein wichtiges Mitglied im Islamrat.

Die Süleymanci dagegen sind im Zentralrat der Muslime (ZMD) vertreten. Der Generalsekretär des ZMD ist gleichzeitig Generalsekretär des VIKZ. Der Zentralrat, der angeblich von Saudi-Arabien aus über die Islamische Weltliga finanziert werden soll (siehe "Moslemische Revue" 4/94, S. 278), pflegt sehr gute Kontakte zum Islamrat. Beide möchten als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt werden und auch den muslimischen Kindern in den deutschen Schulen Religionsunterricht erteilen. Die Milli Görüs dominiert den Islamrat und ist laut diverser Gerichtsbeschlüsse und Verfassungsschutzberichte aller Bundesländer "eine Organisation, die eine radikal-muslimische Geistesrichtung vertritt". Die Verhältnisse sind verstrickt.

Moscheen und Gebetshäuser gibt es in Stuttgart mehr als genug. Sie werden schlecht besucht. Voll sind die Moscheen nur an bestimmten Tagen des Jahres. Selbst freitags sind sie nicht ausgelastet. Bekanntlich muss im Islam der Gläubige zum Beten nicht unbedingt in die Moschee gehen. Er darf überall beten. Zu fast jeder Moschee wird seit kurzem auch ein "islamisches Bildungs- und Kulturzentrum" gebaut. Hier sollen die Erwachsenen von morgen nach den Lehren der "Großen vier - Süleyman Efendi, Said-i Nursi, Fetullah Gülen oder Necmettin Erbakan - gebildet werden.

Unsere Gesellschaft aber braucht europäisch denkende, tolerante und offene Menschen. Deutsche, Türken, Deutschtürken.